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Dynastische Legitimität statt Monarchie-Nostalgie
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17 Stunden 58 Minuten her - 17 Stunden 4 Minuten her #80
von ADLERWien
Der Tiroler Legitimismus und der „Ring Alt Tirol“ in der Zwischenkriegszeit
Die Geschichte des österreichischen Legitimismus in der Zwischenkriegszeit ist lange Zeit vor allem als Randerscheinung monarchischer Erinnerungskultur betrachtet worden. Eine solche Sicht greift jedoch zu kurz. Legitimismus bedeutete nicht bloß sentimentale Anhänglichkeit an eine untergegangene Monarchie, nicht bloß Kaiserbilder, Veteranenerinnerung oder nostalgische Sehnsucht nach der „alten Zeit“. Sein Kern war ein staatsrechtlich und dynastisch begründeter Anspruch: Das Haus Habsburg-Lothringen habe seine Legitimität durch den Umbruch von 1918 nicht verloren. Johannes Thaler fasst diese Grundposition prägnant zusammen: Während Monarchismus auch andere Herrscherhäuser oder Staatsformen anerkennen könne, sehe der Legitimismus ausschließlich die Herrschaft des traditionellen Staatsoberhauptes als legitim an; im österreichischen Fall stützte sich dies zusätzlich auf das Argument, Kaiser Karl I. habe nie formell abgedankt, sondern lediglich auf die Ausübung der Staatsgeschäfte verzichtet.
Damit war der österreichische Legitimismus mehr als eine rückwärtsgewandte Gefühlslage. Er war eine politische Deutung der Gegenwart aus der Perspektive dynastischer Kontinuität. Nach dem Tod Kaiser Karls I. im Exil auf Madeira 1922 wurde sein Sohn Otto von Habsburg zur zentralen Symbolfigur dieser Bewegung. Thaler bezeichnet Otto ausdrücklich als Galionsfigur des österreichischen Legitimismus der Zwischenkriegszeit. Gerade daraus erklärt sich die politische Bedeutung der zahlreichen Ehrenbürgerernennungen Ottos in österreichischen Gemeinden: Sie waren nicht lediglich Ausdruck persönlicher Verehrung, sondern sichtbare Akte einer kommunalen und symbolischen Anerkennung habsburgischer Legitimität. In Tirol fand diese Haltung einen besonders fruchtbaren Boden. Das Land verfügte über eine ausgeprägte katholisch-konservative Erinnerungskultur, über eine lebendige Schützen- und Veteranentradition sowie über ein starkes historisches Bewusstsein für das alte, ungeteilte Tirol. Der Verlust Südtirols nach dem Ersten Weltkrieg verstärkte diese Empfindung zusätzlich. „Alt-Tirol“ war in diesem Zusammenhang nicht bloß ein geographischer Begriff, sondern ein erinnerungspolitisches Programm: Es verwies auf eine vorrepublikanische Ordnung, in der Landesbewusstsein, Kaisertreue und katholische Selbstdeutung eng miteinander verbunden waren.
Vor diesem Hintergrund sind die sogenannten Ehrenbürgergemeinden oder Kaisergemeinden zu verstehen. Gemeint waren jene Gemeinden, die Otto von Habsburg zum Ehrenbürger ernannten und damit ein öffentliches Bekenntnis zur habsburgischen Kontinuität ablegten. Thaler weist darauf hin, dass die Vaterländische Front die Ernennung Ottos zum Ehrenbürger einzelner Gemeinden grundsätzlich begrüßte; zugleich zeigen die unterschiedlichen Reaktionen der Bundesländer, dass der Legitimismus regional sehr verschieden aufgenommen wurde. Für Tirol lässt sich diese regionale Besonderheit besonders deutlich fassen: Hier verbanden sich die Ehrenbürgerernennungen mit dem Gedanken eines historischen „Alt-Tirol“ und mit der Abgrenzung gegen großdeutsche und nationalsozialistische Deutungen.
Ein wichtiger organisatorischer Ausdruck dieser Entwicklung war der im September 1932 gegründete „Ring Alt Tirol“, eine Interessensgemeinschaft der Tiroler Ehrenbürgergemeinden. Diese Gründung steht in einem größeren österreichweiten Zusammenhang. Thaler zeigt, dass sich der österreichische Legitimismus nach 1918 zunächst in privaten Kreisen und Familienzirkeln sammelte, ehe größere Organisationen entstanden. 1932 kam es mit dem „Eisernen Ring“ zur Bildung eines Dachverbandes legitimistischer Organisationen in Österreich. Der „Ring Alt Tirol“ kann daher als regionale Verdichtung jener Organisationsphase verstanden werden, in der der Legitimismus seine bisher verstreuten Kräfte stärker zu bündeln suchte.
An der Spitze des „Ring Alt Tirol“ stand Dr. Manfred Schullern. Seine Biografie fügt sich auffallend genau in das soziale Profil des österreichischen Legitimismus ein. Thaler nennt als soziale Basis der legitimistischen Bewegung insbesondere die ehemalige Aristokratie, frühere Offiziere und Staatsbedienstete sowie Teile des konservativen Bürgertums. Schullern entstammte einer in Tirol beheimateten Beamtenfamilie. Geboren wurde er am 8. Juli 1893 in Wien-Margareten; er war Sohn des Juristen und Universitätsprofessors Hermann Ritter von Schullern zu Schrattenhofen. Im Ersten Weltkrieg diente er als Leutnant im 1. Tiroler Kaiserjägerregiment und später als Oberleutnant im Leibgarde-Infanterieregiment in Wien. Nach seiner Abrüstung im Juli 1920 studierte er Staatswissenschaften an der Universität Innsbruck und promovierte 1927 zum Doctor rerum politicarum. In der Zwischenkriegszeit arbeitete er als Amtsrevident bei der Post- und Telegrafendirektion in Innsbruck.
Gerade diese Verbindung von ehemaligem k. u. k. Offizier, Tiroler Kaiserjäger, akademisch gebildetem Staatswissenschaftler und österreichischem Beamten macht Schullern zu einer exemplarischen Gestalt des Tiroler Legitimismus. Er gehörte nicht einfach zu einem nostalgischen Erinnerungsmilieu, sondern zu jener Schicht, die den Zusammenbruch der Monarchie biografisch erlebt hatte und nach 1918 in der Republik weiterwirkte, ohne ihre altösterreichische Prägung aufzugeben. Seine Führungsrolle im „Ring Alt Tirol“ erscheint daher weniger als Zufall denn als Ausdruck einer politischen Kultur, in der Verwaltungserfahrung, militärische Sozialisation und habsburgische Loyalität zusammentrafen.
Der „Ring Alt Tirol“ war jedoch nicht nur ein Erinnerungsverein. Er sollte die Ehrenbürger- und Kaisergemeinden organisatorisch verbinden, weitere Ehrenbürgerernennungen Ottos unterstützen und gegen das Unrecht protestieren, das man dem Kaiserhaus durch Enteignung, Verbannung und politische Ausschaltung zugefügt sah. Diese Zielsetzung entsprach einem breiteren legitimistischen Programm. Bereits im Frühjahr 1933 formulierte der „Eiserne Ring“ Forderungen, die später in Teilen mit der Symbolpolitik des autoritären Österreichs korrespondierten: die Umbenennung der Republik in „Bundesstaat Österreich“, die Wiedereinführung des Doppeladlers und die Beseitigung der Habsburgergesetze aus der Verfassung. Der Tiroler „Ring Alt Tirol“ war somit Teil einer österreichweiten legitimistischen Bewegung, erhielt aber durch die Tiroler Landesgeschichte, die Südtirolfrage und das Alt-Tirol-Bewusstsein eine besondere regionale Prägung.
Von zentraler Bedeutung ist schließlich die Konfliktlinie zum Nationalsozialismus. Die Gegnerschaft der Legitimisten zum Nationalsozialismus war kein nebensächliches Begleitmotiv, sondern gehörte zum Kern ihrer politischen Selbstverortung. Thaler betont, dass der Legitimismus in der Zwischenkriegszeit ein ernstzunehmender politischer Akteur war und von den österreichischen Nationalsozialisten als Gegner wahrgenommen wurde. Das nationalsozialistische Deutsche Reich sah in der Habsburgerrestauration und im österreichischen Legitimismus eine Konkurrenz zu den eigenen Expansionsbestrebungen. Auch die Forschung zu legitimistischen und nationalsozialistischen Konflikten hebt diese Gegnerschaft hervor; Thaler verweist etwa auf Zusammenstöße zwischen legitimistischen und nationalsozialistischen Gruppen sowie auf die Bedeutung dieser Konfrontation für den weiteren Zulauf zum Legitimismus.
Für Tirol wurde diese Auseinandersetzung besonders greifbar in der Deutung historischer Erinnerungsfiguren. Wenn der „Ring Alt Tirol“ gegen nationalsozialistische Versuche auftrat, Tiroler Freiheitshelden wie Josef Speckbacher für eine großdeutsche Tradition zu vereinnahmen, dann ging es nicht nur um historische Symbolik. Es ging um die Frage, wem die Tiroler Geschichte gehörte: einer habsburgisch-österreichischen, katholisch und landesgeschichtlich geprägten Erinnerung oder einer nationalsozialistischen, großdeutschen Umdeutung. Gerade an solchen Konflikten zeigt sich, dass der Tiroler Legitimismus nicht bloß rückwärtsgewandt war, sondern eine eigenständige österreichische Idee verteidigte.
Diese Haltung hatte für manche ihrer Träger persönliche Konsequenzen. Schullern wurde nach der nationalsozialistischen Machtübernahme von SA-Leuten verhaftet und in Untersuchungshaft genommen; 1939 folgten weitere sechs Wochen GESTAPOhaft. Später wurde er zur Wehrmacht eingezogen und diente im Zweiten Weltkrieg in der Luftwaffe. Nach 1945 trat er wieder in den österreichischen Staatsdienst ein.
Der Tiroler Legitimismus der frühen 1930er Jahre lässt sich daher nur unzureichend als monarchistische Nostalgie beschreiben. Er war eine politische und erinnerungskulturelle Bewegung, die dynastische Legitimität, katholisch-konservative Landesidentität, kommunale Symbolpolitik und österreichischen Patriotismus miteinander verband. Der „Ring Alt Tirol“ machte diese Haltung organisatorisch sichtbar. Dr. Manfred Schullern steht dabei exemplarisch für ein Milieu, das aus der alten Monarchie kam, in der Republik weiterlebte und dem Nationalsozialismus aus einer österreichisch-habsburgischen Grundhaltung heraus entgegentrat. Gerade darin liegt die historische Bedeutung dieser Bewegung: Sie war klein, aber klar profiliert; traditionsgebunden, aber politisch wirksam; monarchisch, aber zugleich ein früher Träger jener österreichischen Eigenständigkeit, die sich gegen die nationalsozialistische Vereinnahmung behaupten wollte.
Literaturhinweise
Dynastische Legitimität statt Monarchie-Nostalgie wurde erstellt von ADLERWien
Der Tiroler Legitimismus und der „Ring Alt Tirol“ in der Zwischenkriegszeit
Die Geschichte des österreichischen Legitimismus in der Zwischenkriegszeit ist lange Zeit vor allem als Randerscheinung monarchischer Erinnerungskultur betrachtet worden. Eine solche Sicht greift jedoch zu kurz. Legitimismus bedeutete nicht bloß sentimentale Anhänglichkeit an eine untergegangene Monarchie, nicht bloß Kaiserbilder, Veteranenerinnerung oder nostalgische Sehnsucht nach der „alten Zeit“. Sein Kern war ein staatsrechtlich und dynastisch begründeter Anspruch: Das Haus Habsburg-Lothringen habe seine Legitimität durch den Umbruch von 1918 nicht verloren. Johannes Thaler fasst diese Grundposition prägnant zusammen: Während Monarchismus auch andere Herrscherhäuser oder Staatsformen anerkennen könne, sehe der Legitimismus ausschließlich die Herrschaft des traditionellen Staatsoberhauptes als legitim an; im österreichischen Fall stützte sich dies zusätzlich auf das Argument, Kaiser Karl I. habe nie formell abgedankt, sondern lediglich auf die Ausübung der Staatsgeschäfte verzichtet.
Damit war der österreichische Legitimismus mehr als eine rückwärtsgewandte Gefühlslage. Er war eine politische Deutung der Gegenwart aus der Perspektive dynastischer Kontinuität. Nach dem Tod Kaiser Karls I. im Exil auf Madeira 1922 wurde sein Sohn Otto von Habsburg zur zentralen Symbolfigur dieser Bewegung. Thaler bezeichnet Otto ausdrücklich als Galionsfigur des österreichischen Legitimismus der Zwischenkriegszeit. Gerade daraus erklärt sich die politische Bedeutung der zahlreichen Ehrenbürgerernennungen Ottos in österreichischen Gemeinden: Sie waren nicht lediglich Ausdruck persönlicher Verehrung, sondern sichtbare Akte einer kommunalen und symbolischen Anerkennung habsburgischer Legitimität. In Tirol fand diese Haltung einen besonders fruchtbaren Boden. Das Land verfügte über eine ausgeprägte katholisch-konservative Erinnerungskultur, über eine lebendige Schützen- und Veteranentradition sowie über ein starkes historisches Bewusstsein für das alte, ungeteilte Tirol. Der Verlust Südtirols nach dem Ersten Weltkrieg verstärkte diese Empfindung zusätzlich. „Alt-Tirol“ war in diesem Zusammenhang nicht bloß ein geographischer Begriff, sondern ein erinnerungspolitisches Programm: Es verwies auf eine vorrepublikanische Ordnung, in der Landesbewusstsein, Kaisertreue und katholische Selbstdeutung eng miteinander verbunden waren.
Vor diesem Hintergrund sind die sogenannten Ehrenbürgergemeinden oder Kaisergemeinden zu verstehen. Gemeint waren jene Gemeinden, die Otto von Habsburg zum Ehrenbürger ernannten und damit ein öffentliches Bekenntnis zur habsburgischen Kontinuität ablegten. Thaler weist darauf hin, dass die Vaterländische Front die Ernennung Ottos zum Ehrenbürger einzelner Gemeinden grundsätzlich begrüßte; zugleich zeigen die unterschiedlichen Reaktionen der Bundesländer, dass der Legitimismus regional sehr verschieden aufgenommen wurde. Für Tirol lässt sich diese regionale Besonderheit besonders deutlich fassen: Hier verbanden sich die Ehrenbürgerernennungen mit dem Gedanken eines historischen „Alt-Tirol“ und mit der Abgrenzung gegen großdeutsche und nationalsozialistische Deutungen.
Ein wichtiger organisatorischer Ausdruck dieser Entwicklung war der im September 1932 gegründete „Ring Alt Tirol“, eine Interessensgemeinschaft der Tiroler Ehrenbürgergemeinden. Diese Gründung steht in einem größeren österreichweiten Zusammenhang. Thaler zeigt, dass sich der österreichische Legitimismus nach 1918 zunächst in privaten Kreisen und Familienzirkeln sammelte, ehe größere Organisationen entstanden. 1932 kam es mit dem „Eisernen Ring“ zur Bildung eines Dachverbandes legitimistischer Organisationen in Österreich. Der „Ring Alt Tirol“ kann daher als regionale Verdichtung jener Organisationsphase verstanden werden, in der der Legitimismus seine bisher verstreuten Kräfte stärker zu bündeln suchte.
An der Spitze des „Ring Alt Tirol“ stand Dr. Manfred Schullern. Seine Biografie fügt sich auffallend genau in das soziale Profil des österreichischen Legitimismus ein. Thaler nennt als soziale Basis der legitimistischen Bewegung insbesondere die ehemalige Aristokratie, frühere Offiziere und Staatsbedienstete sowie Teile des konservativen Bürgertums. Schullern entstammte einer in Tirol beheimateten Beamtenfamilie. Geboren wurde er am 8. Juli 1893 in Wien-Margareten; er war Sohn des Juristen und Universitätsprofessors Hermann Ritter von Schullern zu Schrattenhofen. Im Ersten Weltkrieg diente er als Leutnant im 1. Tiroler Kaiserjägerregiment und später als Oberleutnant im Leibgarde-Infanterieregiment in Wien. Nach seiner Abrüstung im Juli 1920 studierte er Staatswissenschaften an der Universität Innsbruck und promovierte 1927 zum Doctor rerum politicarum. In der Zwischenkriegszeit arbeitete er als Amtsrevident bei der Post- und Telegrafendirektion in Innsbruck.
Gerade diese Verbindung von ehemaligem k. u. k. Offizier, Tiroler Kaiserjäger, akademisch gebildetem Staatswissenschaftler und österreichischem Beamten macht Schullern zu einer exemplarischen Gestalt des Tiroler Legitimismus. Er gehörte nicht einfach zu einem nostalgischen Erinnerungsmilieu, sondern zu jener Schicht, die den Zusammenbruch der Monarchie biografisch erlebt hatte und nach 1918 in der Republik weiterwirkte, ohne ihre altösterreichische Prägung aufzugeben. Seine Führungsrolle im „Ring Alt Tirol“ erscheint daher weniger als Zufall denn als Ausdruck einer politischen Kultur, in der Verwaltungserfahrung, militärische Sozialisation und habsburgische Loyalität zusammentrafen.
Der „Ring Alt Tirol“ war jedoch nicht nur ein Erinnerungsverein. Er sollte die Ehrenbürger- und Kaisergemeinden organisatorisch verbinden, weitere Ehrenbürgerernennungen Ottos unterstützen und gegen das Unrecht protestieren, das man dem Kaiserhaus durch Enteignung, Verbannung und politische Ausschaltung zugefügt sah. Diese Zielsetzung entsprach einem breiteren legitimistischen Programm. Bereits im Frühjahr 1933 formulierte der „Eiserne Ring“ Forderungen, die später in Teilen mit der Symbolpolitik des autoritären Österreichs korrespondierten: die Umbenennung der Republik in „Bundesstaat Österreich“, die Wiedereinführung des Doppeladlers und die Beseitigung der Habsburgergesetze aus der Verfassung. Der Tiroler „Ring Alt Tirol“ war somit Teil einer österreichweiten legitimistischen Bewegung, erhielt aber durch die Tiroler Landesgeschichte, die Südtirolfrage und das Alt-Tirol-Bewusstsein eine besondere regionale Prägung.
Von zentraler Bedeutung ist schließlich die Konfliktlinie zum Nationalsozialismus. Die Gegnerschaft der Legitimisten zum Nationalsozialismus war kein nebensächliches Begleitmotiv, sondern gehörte zum Kern ihrer politischen Selbstverortung. Thaler betont, dass der Legitimismus in der Zwischenkriegszeit ein ernstzunehmender politischer Akteur war und von den österreichischen Nationalsozialisten als Gegner wahrgenommen wurde. Das nationalsozialistische Deutsche Reich sah in der Habsburgerrestauration und im österreichischen Legitimismus eine Konkurrenz zu den eigenen Expansionsbestrebungen. Auch die Forschung zu legitimistischen und nationalsozialistischen Konflikten hebt diese Gegnerschaft hervor; Thaler verweist etwa auf Zusammenstöße zwischen legitimistischen und nationalsozialistischen Gruppen sowie auf die Bedeutung dieser Konfrontation für den weiteren Zulauf zum Legitimismus.
Für Tirol wurde diese Auseinandersetzung besonders greifbar in der Deutung historischer Erinnerungsfiguren. Wenn der „Ring Alt Tirol“ gegen nationalsozialistische Versuche auftrat, Tiroler Freiheitshelden wie Josef Speckbacher für eine großdeutsche Tradition zu vereinnahmen, dann ging es nicht nur um historische Symbolik. Es ging um die Frage, wem die Tiroler Geschichte gehörte: einer habsburgisch-österreichischen, katholisch und landesgeschichtlich geprägten Erinnerung oder einer nationalsozialistischen, großdeutschen Umdeutung. Gerade an solchen Konflikten zeigt sich, dass der Tiroler Legitimismus nicht bloß rückwärtsgewandt war, sondern eine eigenständige österreichische Idee verteidigte.
Diese Haltung hatte für manche ihrer Träger persönliche Konsequenzen. Schullern wurde nach der nationalsozialistischen Machtübernahme von SA-Leuten verhaftet und in Untersuchungshaft genommen; 1939 folgten weitere sechs Wochen GESTAPOhaft. Später wurde er zur Wehrmacht eingezogen und diente im Zweiten Weltkrieg in der Luftwaffe. Nach 1945 trat er wieder in den österreichischen Staatsdienst ein.
Der Tiroler Legitimismus der frühen 1930er Jahre lässt sich daher nur unzureichend als monarchistische Nostalgie beschreiben. Er war eine politische und erinnerungskulturelle Bewegung, die dynastische Legitimität, katholisch-konservative Landesidentität, kommunale Symbolpolitik und österreichischen Patriotismus miteinander verband. Der „Ring Alt Tirol“ machte diese Haltung organisatorisch sichtbar. Dr. Manfred Schullern steht dabei exemplarisch für ein Milieu, das aus der alten Monarchie kam, in der Republik weiterlebte und dem Nationalsozialismus aus einer österreichisch-habsburgischen Grundhaltung heraus entgegentrat. Gerade darin liegt die historische Bedeutung dieser Bewegung: Sie war klein, aber klar profiliert; traditionsgebunden, aber politisch wirksam; monarchisch, aber zugleich ein früher Träger jener österreichischen Eigenständigkeit, die sich gegen die nationalsozialistische Vereinnahmung behaupten wollte.
Literaturhinweise
- Thaler, Johannes: Legitimismus – Ein unterschätzter Baustein des autoritären Österreich. In: Florian Wenninger / Lucile Dreidemy (Hg.): Das Dollfuß/Schuschnigg-Regime 1933–1938. Vermessung eines Forschungsfeldes. Wien/Köln/Weimar: Böhlau, 2013, S. 69–86.
- Mosser, Ingrid: Der Legitimismus und die Frage der Habsburger-Restauration in der innenpolitischen Zielsetzung des autoritären Regimes in Österreich 1933–1938. Phil. Diss., Wien 1979.
- Wagner, Friedrich: Der österreichische Legitimismus 1918–1938. Seine Politik und Publizistik. Phil. Diss., Wien 1956.
- Wohnout, Helmut: Das Traditionsreferat der Vaterländischen Front. Ein Beitrag über das Verhältnis der legitimistischen Bewegung zum autoritären Österreich 1933–1938. In: Österreich in Geschichte und Literatur, 36. Jg., Heft 2, 1992, S. 65–82.
- Schober, Richard: Tirol zwischen den Weltkriegen. Teil 2: Politik, Parteien und Gesellschaft. Veröffentlichungen des Tiroler Landesarchivs 18, Innsbruck 2009.
- Manfred Schullern-Schrattenhofen. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.
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